DER ANSATZ

Was meinen wir mit Erschließung?

Im Zentrum der Erschließungsarbeit stehen die Belegschaften und ihre Themen. Diese sind vielfältig. Sie reichen von fehlender Tarifbindung über unbezahlte oder zu oft geforderte Überstunden und schlechte Arbeitsbedingungen bis hin zu mangelnder Wertschätzung der Arbeit. Aber egal, wie unterschiedlich die Anliegen sein können, eines haben sie gemein: Wenn sich die Beschäftigten zusammentun, sich organisieren und aktiv werden, können sie zusammen etwas bewegen. Die Gewerkschaft unterstützt sie dabei – mit Ressourcen, vor allem aber mit Know how, Erfahrungen und einem Netzwerk.

Damit eine Auseinandersetzung erfolgreich sein kann, ist es wichtig, systematisch vorzugehen. Die Strategie muss nicht nur klug, sondern auch gut geplant sein, ein Schritt auf dem anderen aufbauen, eine Maßnahme effektiv an die andere gereiht werden. Entscheidend ist, dass es gelingt, die Beschäftigten zu aktivieren und auch neue Mitglieder zu gewinnen. So werden nachhaltige, sich selbst tragende gewerkschaftliche Strukturen im Betrieb entwickelt: selbstbewusste Betriebsräte, Vertrauensleute und Aktive. Eine durchsetzungsfähige Belegschaft muss nicht nur gut organisiert sein, sondern auch auf starke und aktive Gewerkschaftsstrukturen zurückgreifen können, die Aktionen zu koordinieren und Druck aufzubauen vermögen.

Zum Grundgedanken von Erschließung gehört es, pro-aktiv und dem Arbeitgeber immer einen Schritt voraus zu sein. Wenn nötig, nutzen wir Möglichkeiten, Druck zu entfalten und Konflikte zuzuspitzen. Vor allem in der Auseinandersetzung zeigt sich sehr klar, wie nützlich und notwendig es ist, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Genau diese Erfahrbarkeit von Gewerkschaft ist es, die den Nährboden für Solidarisierung und einen stärkeren Anstieg des Organisationsgrades legt.

Sich auf Erschließungsarbeit einzulassen, bedeutet also, weniger Stellvertreterpolitik zu machen und mehr direkte Beteiligung der Beschäftigten zuzulassen – und auf diese Weise mehr Organisationsmacht und eine bessere Handlungsfähigkeit und Durchsetzungskraft in den Betrieben zu gewinnen.

 

Welches Grundprinzip steht hinter der Erschließungsarbeit?

Unser Ansatz lässt sich in dem Dreischritt Wut-Hoffnung-Aktion zusammenfassen:

Wut

Was sind die heißen Themen, die den Beschäftigten auf den Nägeln brennen? Wie kommen wir mit ihnen über ihre Probleme im Betrieb ins Gespräch? Wie aktivieren wir sie, sich für ihre Anliegen und Veränderungswünsche einzusetzen?

Hoffnung

Wie erreichen wir Veränderungen? Wie organisieren wir uns? Was kann mit einer starken Gewerkschaft erreicht werden?

Aktion

Was können wir tun? Was kann jeder einzelne Kollege und jede einzelne Kollegin tun, um Probleme anzugehen und eine starke Gewerkschaft aufzubauen? Wie können wir unsere Interessen durchsetzen? Was sind die nächsten Schritte?

Diese drei Schritte sind das Grundprinzip, wenn es um Erschließung geht – bei der Kontaktaufnahme mit den Beschäftigten, beim gemeinsamen Aufbau einer Kampagne und bei jedem Zwischenerfolg.

 

Anlässe für die Erschließungsarbeit 

Im Kern geht es darum, unsere Mitgliederbasis und unsere Aktivenstrukturen durch planvolles Vorgehen zu stärken und so Themen anzugehen. Die Anlässe für Erschließungsarbeit können dabei sehr vielfältig sein. So zum Beispiel:

  • Die Geschäftsstelle möchte neue Bereiche erschließen.
  • Beschäftigte eines Betriebs möchten einen Betriebsrat gründen.
  • Die IG Metall möchte in einem Betrieb die Tarifbindung durchsetzen oder absichern.
  • Ein Betrieb gerät durch die Strategie der Geschäftsführung oder die Wirtschaftslage in Gefahr. Nun geht es darum, dass sich die Belegschaft gut organisiert, um für die Absicherung des Standorts einzutreten.
  • Eine wichtige Betriebsvereinbarung soll abgeschlossen werden. Um einen guten Abschluss machen zu können, bedarf es des aktiven Rückhalts einer gut organisierten Belegschaft.
  • In einem gut organisierten Produktionsbetrieb wachsen seit Jahren die Angestelltenbereiche. Um den Organisationsgrad hoch zu halten, müssen diese Bereiche systematisch erschlossen werden.

 

Der Organizing-Ansatz

Der Organizing-Ansatz ist eine mitglieder-, konflikt- und beteiligungsorientierte Offensivstrategie und eine spezifische, sehr systematische Form der

Erschließung. Ausgangspunkt einer Organizing-Kampagne im Betrieb sind innerbetriebliche Konflikte, die die Beschäftigten selbst als solche wahrnehmen und benennen. Die Planung und Durchführung der Kampagnen kann sich in diesem Zusammenhang durchaus über einen längeren Zeitraum hinziehen. Dabei kann es hilfreich sein, mit Bündnispartnern aus anderen Betrieben und gesellschaftlichen

Akteuren zusammen zu arbeiten.

Über ein spezifisches methodisches Vorgehen und bestimmte Instrumente als Hilfsmittel werden Beschäftigte gezielt angesprochen und zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen aktiviert. Zugleich lassen sich so systematisch neue Mitglieder gewinnen. Ziel ist der Aufbau von durchsetzungsstarken, nachhaltigen – weil sich selbst tragenden – gewerkschaftlichen Strukturen im Betrieb, also selbstbewusste gewerkschaftliche Betriebsräte, Vertrauensleute und Aktive.

 

Phasen einer Organizing-Kampagne 

Organizing-Kampagnen lassen sich in verschiedene Phasen einteilen

  1. Vorbereitung und Planung
  2. Zugang
  3. Basisaufbau
  4. Themenkonflikt
  5. Eskalation
  6. Erfolg

Diese Einteilung des Organizing-Prozesses soll helfen, die eigene Arbeit zu strukturieren und sich bewusst zu machen, auf welche Aufgaben man sich vorbereiten muss.

 

Idealtypisch verläuft ein Erschließungsprojekt folgendermaßen:

Was wir dabei berücksichtigen sollten: Ideal ist es, sich zu Beginn ausreichend Zeit für die Sondierung – Recherche und Potenzialanalyse – zu nehmen, um eine profunde Grundlage für die Auswahl der Zielbetriebe zu haben. Denn es ist ärgerlich, wenn wir Aufwand und Erfolgschancen wegen einer zu dürftigen Informationslage falsch einschätzen.

Nach der Zugangsphase, in der wir Kontakt zu Beschäftigten aufnehmen und verlässliche Mitstreiterinnen und Mitstreiter ausfindig machen, beginnt eine ebenfalls längere Phase des Basisaufbaus. Auch hierfür sollte in der Regel genug Zeit eingeplant werden. Denn jetzt müssen wir zielgerichtet und genau arbeiten. Schließlich bauen wir die Aktivenstruktur und ein Kommunikationsnetzwerk auf – und ein funktionierender Aktivenkreis im Betrieb ist die Grundlage für alles Folgende.

Erst wenn wir und die Kolleginnen und Kollegen selbst meinen, dass sie stark genug sind, planen und führen wir einen betrieblichen Konflikt um ein (kleines) heißes Thema. Das ist der Test für die eigene Handlungsfähigkeit. Wenn dieser bestanden ist, können auch die größeren Themen angegangen und erfolgreich durchgesetzt werden.

 

Oft verläuft ein Organisierungsprozess in der Realität nicht unbedingt in diesen theoretischen Phasen. Stattdessen führt die betriebliche Situation immer wieder dazu, dass Prozesse eine Dynamik bekommen und mehrere Aufgaben zeitgleich bearbeitet werden müssen. Wenn beispielsweise in einem gewerkschaftsfeindlichen Betrieb schnell eine Betriebsratswahl eingeleitet werden muss, bleibt wenig Zeit für eine gründliche Vorbereitung und einen langen Basisaufbau. Die anstehende Themenkampagne ist dann die Betriebsratswahl selbst, der Basisaufbau besteht darin, verlässliche und belastbare Kandidatinnen und Kandidaten für den Wahlvorstand und für den Betriebsrat zu finden. Kommen auch noch gewerkschaftsfeindliche Aktivitäten des Arbeitgebers hinzu, müssen gegebenenfalls Ressourcen für zusätzliche Öffentlichkeitsarbeit abgezweigt werden.

 

Unser Verständnis von Organizing & Erschließung 23. Januar 2019